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Akute Psychose: Einfach nur verwirrt oder in sich Logisch? Teil 2

  • Autorenbild: Karla B.
    Karla B.
  • 9. Okt. 2023
  • 13 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Feb.

Teil 2 in der Klinik


Falls Teil 1 noch nicht gelesen wurde, empfehlen wir dies vorab zu tun: Akute Psychose: Einfach nur verwirrt oder in sich Logisch? Teil 1 (seelenpuzzle-dis-gedanken.com)


Wir haben einige Beispiele zusammengetragen anhand derer wir erläutern möchten wie stark sich die psychosebedingte Fehlkommunikation auf uns und unser weiteres Handeln ausgewirkt hat und wie darunter auch immer wieder Helfergewalt entstand, die mit der richtigen Übersetzung vielleicht vielfältig vermeidbar gewesen wäre.


---- An dieser Stelle noch einmal eine verschärfte Trigger Warnung.

Auch besonders an Menschen mit

Gewalt und/oder Psychose Erfahrungen. ----


Wir landeten direkt im "Time Out Raum". Ob vorher etwas gravierendes passierte, weshalb dies gerechtfertigt war können wir in unserer Erinnerung leider nicht mehr zu 100% rekonstruieren. Wir haben dafür eine größere Gedächtnislücke, die wir leider nicht mit Berichten von Anteilen füllen konnten. Wir können nicht sagen, ob der Raum anfangs vielleicht offen war. In unserer Erinnerung war die Tür die ganze Zeit über verschlossen.


Mit uns im ansonsten leeren Raum befanden sich ein Metallwaschbecken mit Metallspiegel, ein Klo hinter einer Wand (mit roter LED Leuchte neben der Spülung), eine Kamera mit roten Lichtpunkten in der Linse, ein roter Sitzsack, eine blaue gummierte Matratze, eine Bettdecke, ein kleines Kissen, eine Rolle Toilettenpapier und ein Pappbecher mit undefinierter brauner Flüssigkeit (falls es Kaffee sein sollte: Den mag keiner von uns).

Es gabt zwei Fenster. Das eine war eins nach draußen, aber es war fast bis oben mit einem weißen Sichtschutz beklebt, sodass nur ein schmaler Spalt blieb, um den Himmel, das Dach eines anderen Gebäudes und eine Baumkrone sichten zu können. Jemand vor uns hatte zudem unten Rechts eine ca.2x2cm große Ecke von der Folie weggeschabt, sodass bei genauerer Betrachtung eine Art Innenhof mit Laternen, Baum, Überdachung und Bank sichtbar waren.

Das andere Fenster lag neben der Tür gegenüber vom WC Bereich und hatte Verbindung zu einem Büroraum in welchem Licht brannte. Von der Anderen Seite der Scheibe lehnte eine analoge, runde Uhr leicht schief gegen das Fenster und dahinter war eine fast geschlossene Lamellen-Jalousie heruntergelassen.

Die Wände waren kahl, teilweise gepolstert und nüchtern. Es gab eine Steckdose, Linoleumboden und die verschlossene Tür, die uns wahnsinnig machte.


Wir konnten sehen, dass auf dem Flur Schatten entlanghuschten, wir klopften gegen die Tür und die Fenster, doch niemand reagierte. Wir riefen, winkten in die Kamera und niemand kam. Jeder von uns hatte unterschiedliche Ideen, warum wir eingeschlossen sind.

Wir fragten uns ob das eine Prüfung ist? Der Time Out Raum aus unserer Jugendpsychiatriezeit? Eine verarsche auf unserer Arbeit (wo wir nicht mehr arbeiten)? Aber dort gab es ja gar keine solche Räume? Ist das eine Strafe? Was haben wir falsch gemacht? Müssen wir fliehen? Aus dem Raum entkommen? Ist unsere Freundin (aus Kindheit) auch hier? Müssen wir nicht eigentlich die Welt retten? Unsere oder die äußere? Müssen wir unsere Hausaufgaben machen? Haben wir uns nicht gut benommen? Kommt gleich jemand? Es kommt doch immer irgendjemand? Was wenn dieses mal niemand mehr kommt?

Was haben wir falsch gemacht??? Warum sind wir hier??? Was passiert jetzt mit uns????? Wen von uns brauchen wir jetzt????

Wurde uns das erklärt? Einmal? Zweimal? Hatten wir das verpasst?


Wir waren in vielen Zuständen/Anteilen von uns nacheinander - aber auch parallele - präsent, ein Anteil davon hört und sieht fast nichts. Trotzdem versuchten wir uns alle irgendwie mit dem was wir hatten zu orientieren und das bot nicht viel her. Wir versuchten auf uns aufmerksam zu machen und jeder für sich seine gedachte "Probe"/"Aufgabe" zu lösen. Irgendwie müssten wir es doch schaffen uns wieder zu befreien. Irgendwas musste hier die Aufgabe sein, damit wir durch diese Tür dürfen. Hat sie vielleicht einen geheimen Mechanismus? Brauchen wir die Hilfsmittel aus dem Raum? Ein Anteil interpretierte die Situation so, dass wir für die Kamera im Raum erotisch tanzen müssten, zog sich daher zeitweise aus.


Parallele waren andere von uns weiter damit beschäftigt den "Weltuntergang" aufzuhalten, indem sie versuchten wie zuvor die Welt durch umprogrammieren und vertrauen aufbauende Beschwörungen und Handlungen zu retten. Die Mächtigen im Außen (in uns) mussten doch wissen, dass sie nicht gegen uns handeln durften, weil wir nur Zeit brauchten und weil sie uns vertrauen sollten und nicht sich selbst zerstören. Unsere Wahrnehmung stand weiter Kopf und war grenzenlos. Damit meine ich, dass unsere innere Welt und die äußere Umgebung sich immer noch vermischten, für uns nicht trennbar waren und wir weiter mit Traumainhalten aus der Vergangenheit überflutet wurden.


An Schlafen war gar nicht zu denken und trotzdem wäre es gut und das einzig sinnvolle gewesen.


In diesen Zuständen verschütteten wir Wasser unter die Tür und zerrupften Toilettenpapier, tanzten durch den Raum, sangen Kinderlieder, zerrupften den Pappbecher und brabbelten wirres Zeug, das nur für den betreffenden Anteile Sinn zu ergeben schien. Das führte auf Dauer dazu, dass uns das Toilettenpapier und der Becher weggenommen wurden. Das Wasser im Waschbecken wurde auch abgedreht. Wir blieben lange in nassen Klamotten. Uns war sehr kalt. Irgendwann warf man uns einen Pulli (nicht unser eigener) durch die Tür zu.


Uns blieben immer weniger Möglichkeiten. Eine Erklärung hatten wir nicht oder konnten sie nicht aufnehmen und begreifen.


Für den Fall, dass wir in einem Krankenhaus seien, suchten wir nach einem Notfallknopf oder ähnlichem, wie einem Band an welchem man ziehen kann und wie wir es von anderen psychiatrischen Behandlungen kennen. Wir konnten keines finden.


Menschen, wenn wir sie überhaupt wahrgenommen hatten, sahen für uns aus wie andere Menschen aus unserem Leben. Meistens wie Menschen aus unserer Vergangenheit. Vor den meisten hatten wir daher aber Todesangst oder zumindest vertrauten wir ihnen nicht. Auch unseren Mann erkannten wir in der Situation nicht. Dieser berichtete, dass auch er einmal versucht hatte mit uns in Kontakt zu kommen und uns Tabletten zu geben.


Aber ist es verwunderlich, dass wir keine Medikamente von Ihnen annehmen wollten? Wir: vielfältig unorientiert in Zeit, Alter, Ort, Person und Raum, also Innen und Außen? Verängstigt bis panisch/schreiend? Kindlich? Grenzenlos? Irgendwie merkwürdig Spirituell? Komplett wirr??? Das ist doch kein Wunder....


Einige von uns fühlten nach einer Weile, dass wir Krämpfe im Unterleib hatten und bekamen noch mehr Panik. Die einfache Erklärung dafür war, dass wir unsere Pille nicht genommen hatten und deshalb natürlich zu der Zeit unsere Periode samt Endometriose-Schmerzen einsetzten...

Einige versuchten sich sicher zu fühlen, indem sie sich erfolglos versuchten unter den Sitzsack zu legen. Gewicht wirkt manchmal beruhigend auf uns und deshalb haben wir zuhause auch eine schwere, kuschelige Therapiedecke für solche Fälle. Hier blieb uns nur, für eine undefinierte Zeitspanne auf der Madratze zu erstarren und uns wegzubeamen.


Nachdem wir uns wieder gelöst hatten, bemerkte ein Anteil erstmalig ein sehr starkes Durstgefühl.

Das schien sogar wichtiger zu sein als das Problem mit dem Auslaufen.


Ein Anteil von uns versuchte den Becher wiederzufinden, aber es gab keinen mehr. Dann versuchten wir es mit dem Waschbecken. Es kam kein Wasser mehr heraus.

Wir stellten fest, dass unsere Mundwinkel eingerissen waren. Die Lippen spröde und der Mund staubtrocken. Wir versuchten verzweifelt immer und immer wieder an Wasser aus dem Waschbecken zu kommen. Sahen irgendwann ein, dass dort kein Wasser mehr herauskommt.

Wir hatten das Gefühl zu verdursten. Wir versuchten wieder für eine längere Zeit die Tür zu öffnen, riefen nach Hilfe, winkten in die Kamera, ohne zu wissen ob diese überhaupt an ist. Wir hatten damit keinen Erfolg.


Die einzige Möglichkeit welche uns blieb war es das Wasser aus der Toilette zu trinken. Weil dies ekelig erschien, versuchten wir dies noch eine Weile zu vermeiden.


Später hielten wir es mit dem Durstgefühl aber nicht mehr aus.

Wir mussten Kreativ werden und kamen auf die Idee, dass man das Wasser doch, wie beim Aquarium leeren, mit dem Lacken der Bettdecke (anstelle des Schlauches) aus dem Klo aufsaugen kann und es ins Waschbecken umleiten kann, woraus man trinken könne. Man müsste die Klospülung nur oft genug betätigen dabei und das Lacken gut positionieren.

Das klappte schonmal (mit viel spülen)... Dann noch das Wasser aus dem Waschbecken mit dem Kissenbezug auffangen und in unseren Mund reintropfen lassen... Dafür mussten wir tiefer sein als das Waschbecken und gleichzeitig die Spülung bedienen. Wir taten was getan werden musste, schafften den Sitzsack in den Badeingang neben das Waschbecken, setzten uns darauf und betätigten mit dem rechten Fuß immer und immer wieder die Klospülung während wir an dem Kissenzipfel das Wasser aus dem Waschbecken tranken. ENDLICH WASSER!!! GESCHAFFT!!!


Allerdings bekam dabei auch immer wieder die Psychose und die verdrehte Wahrnehmung (Außen ist Innen und Innen ist Außen) die Oberhand . Weshalb wir wiederholt von dem selbst Trinken abkamen. Wir nahmen fälschlicherweise an, dass nicht wir, sondern die äußere Welt verdurstet.

War Wasser die Prüfung? Können wir mit dem Wasser die Welt retten? Vielleicht müssen wir das Wasser zu allen bringen und es regnen lassen? Wie sollen wir es drinnen Regnen lassen? Wir kamen auf die Lösung als wir die nassen Bettlaken betrachteten. Wir tränkten die Laken in Wasser und schleuderten diese im Raum umher und gegen die Decke. Es funktionierte! Es tropfte von oben herunter! Wir hatten es geschafft! Wir haben es regnen lassen! Wir waren sehr stolz auf uns und unsere Lösung des Problems. Und freuten uns, dass wir gerade die Welt retten.


Geschafft! Endlich! Oh ja die Tür wird von außen geöffnet! Endlich frei! "WIR HABEN BESTANDEN!" Wir freuten uns und ließen die Kinder in uns weiter "pitsche patsche" feiern.


Just in dem Moment des Triumpfes kamen die Pfleger herein und wirkten gar nicht von unserem Erfolg angetan. Wir waren verwirrt, legten uns aber wie befohlen auf ein Bett im Flur und verstanden nicht wirklich, dass wir in dem Moment wo wir uns hinlegen fixiert werden würden.

Einige versuchten zu erklären, dass wir doch versuchen die Welt zu retten. Wieder andere versuchten zu erklären, dass sie dabei sind uns im Innen "Zurückzusetzen", an einen Punkt wo wir wieder klarkommen. "Wir sind doch schon dabei etwas zu tun, warum hört Ihr nicht auf mit dem Handeln gegen uns? Seht doch das Wasser! Das Wasser fließt wieder! Hört doch mal auf das Wasser aufzunehmen! Ihr (Leute um uns herum-Anmerkung im Nachhinein) müsst das verteilen! Sie (die Mächtigen) müssen doch sehen, dass wir das Wasser bringen! Sie können uns vertrauen!" Niemand reagierte darauf. Sie fragten warum wir das gemacht haben, aber sie verstanden unsere Erklärung nicht.


---- Ausdrückliche Trigger Warnung für den nächsten Absatz! ----


Ich sah wie wir bei der Fixierung (immer noch auf dem Stationsflur) festgehalten und untenrum komplett ausgezogen wurden. Wie die Pfleger uns angesehen haben dabei. Teilweise sorgenvoll und ein bisschen verängstigt, aber auch angestachelt und unter Adrenalin stehend. Die Füße, Oberkörper und Hände wurden in Rückenlage fixiert. Wir dachten, dass diese Situation ganz sicher in einer Vergewaltigung enden wird.


Uns wurde eine Windel angezogen.

Ich stand daneben unfähig einzugreifen und in dem Moment auch unfähig zu verstehen was eigentlich vorgeht. Ich sah, dass wir uns wanden und schrien wie am Spieß.

Ich sah wie sie uns Spritzen in die Beine jagten dabei.


In der Fixierung, in einer liegenden Position hielten sie uns einen Pappbecher an die Lippen. Wir bekamen so viel Wasser in den Mund, dass wir dieses niemals ohne verschlucken hätten herunter schlucken können, weshalb wir einen großen Teil wieder aus dem Mund laufen lassen mussten. Sie probierten es zu einem anderen Zeitpunkt noch ein Mal. Da wir immer noch am verdursten waren und Angst hatten, dass sie uns das Wasser wieder wegnehmen verbissen wir uns in den Pappbecher. Die Pflegekraft zog diesen zurück und der Pappbecher zerriss. Ein Anteil von uns weiß noch, dass sie sagte: „Seht ihr wie aggressiv sie ist? Sie möchte wohl nichts trinken.“


Und dann standen wir auf das Bett gezurrt wieder in dem Time Out Raum. Wie und wann wir vom Flur dahin gekommen sind können wir nicht rekonstruieren.

Mit uns im Raum war eine weitere fixierte Person. Zwischen uns war ein weißer Vorhang, welcher an einer roll baren Halterung hing.

An der Tür saß eine männliche Pflegeperson an einem Tisch und tippte etwas in einen Laptop ein. Neben dem Laptop stand eine Wasserflasche.


Wir hatten immer noch starken Durst. So gerne hätten wir die Wasserflasche auf dem Tisch gehabt, aber wir waren unfähig an sie heranzukommen. Wir hatten nur noch unsere Stimme um etwas zu verändern, aber wir konnten uns nicht ausdrücken. Der Satz: „Wir haben Durst. Gib uns bitte Wasser.“, kam uns nicht über die Lippen. Stattdessen redeten wir ziemlich wirres Zeug. Der Pfleger stopfte sich daraufhin Ohrenstöpsel in die Ohren und ignorierte uns. Eigentlich waren wir in der Situation die ganze Zeit alleine mit uns. Im Außen reagierte niemand. Wieder stellten sich alle möglichen Anteile ihre Fragen: "Wo und warum bin ich hier? Was muss ich tun?" Wieder versuchte jeder auf sein Erleben hin zu handeln. Wieder wirkte es nach außen total chaotisch. Wir versuchten einfach diese Situation irgendwie zu überleben.


Wir wussten nicht was mit uns passiert, warum wir nicht aufstehen durften. Wussten immer noch nicht wo wir sind. Wir hatten panische Angst, schrien immer wieder voller Verzweiflung und bäumten uns im Bett so weit es ging auf.


Mit dem ganzen Körper versuchten Anteile auf uns aufmerksam zu machen und uns zu befreien.

Sie bewegten das Bett durch den Raum, indem sie sich ruckartig in unseren Fesseln wanden. Teilweise befreiten sie sich sogar händeweise daraus und wurden wieder festgemacht. Nach einer Weile verrückten wir das Bett so ungünstig, dass wir in der prallen Sonne vor dem Außenfenster standen. Uns wurde schnell sehr heiß, es war Spätsommer, wir konnten die Bettdecke nicht beseitigen und wir waren gefühlt kurz vor dem Verdursten. Immerhin hatten wir schon vor Aufnahme ins Krankenhaus 1,5 Tage nichts getrunken. Wir gaben auf und nahmen an, dass wir sterben würden. Vielleicht sei das dieses Mal die Prüfung. Wir dämmerten weg.


Es war nachts als wir mit starkem Drang den Körper zu bewegen aufwachten und feststellten, dass die innere Welt wieder innen und das Außen wieder außerhalb von uns war. Innen herrschte immer noch Chaos. Im Außen war es still mit weniger Weltuntergang, aber wahnsinnig unbequem. Wir waren immer noch 5-Punkt fixiert. Alles tat weh. Wir entdeckten, dass die rechte Hand ein Ödem entwickelt hatte und dachten, dass es an der zu engen Handfessel liegt. Die Pflegerin die kurz vorbeischaute wollte diese aber nicht lösen und ignorierte das Ödem. Wir wollten eigentlich nur noch schlafen, doch das ging so nicht. Deshalb wanden wir die Hand so lange hin und her, bis sie irgendwann frei war (wir sind sehr dünn).

Nach einer Weile kam die Pflegerin wieder herein, bot Medikamente als Schmelztablette und Lösung an. Dabei drohte sie uns wieder zu spritzen, falls wir diese nicht nehmen. Sie hatte auch etwas zu Trinken dabei. Wir vertrauten ihr nicht, u.a. weil sie zuvor dass Ödem ignoriert hatte und schummelten beim Einnehmen der Medikamente. Wir ließen die Lösung beim Trinken in die Flasche laufen, bis auffiel, dass wir so das Durstproblem gar nicht lösen können. Widerwillig nahmen wir also doch noch ein paar Schluck aus der Flasche, in welcher sich nun das Medikament befand.


Die Hand wurde wieder festgeschnallt, laut Pflegekraft ließe sich darüber nicht diskutieren, da sie eine Teildefixierung sonst später nicht wieder festmachen dürfe. Kurz darauf meldete sich die Blase (das erste Mal seit Fixierungsbeginn).


Wir baten darum auf die Toilette gehen zu dürfen. Dies wurde mit der Begründung abgelehnt, dass sie uns nicht mehr fixieren dürfe, wenn sie uns einmal losgebunden hätte. Wir sagten, dass wir doch ruhig sein, nur auf Toilette gehen möchten und dann versuchen zu schlafen, aber sie lehnte abermals ab. Die Pflegerin sagte etwas in die Richtung: „Ich kann eine Bettpfanne holen oder Sie machen einfach ins Bett. Sie tragen eine Windel. Ihre Entscheidung.“ Nach einer weiteren abgelehnten Bitte, doch kurz die Toilette nutzen zu können, entschieden wir uns widerwillig für die Bettpfanne. Die Pflegekraft verschwand kurz und kam mit der Bettpfanne zurück.

Wir benutzten diese während sie gefühlt sehr ungeduldig daneben stand. Wir haben uns sehr geschämt. Als sie den Urin mitnahm konnten wir sehen, dass dieser sehr dunkel und mit Blut vermischt war. Wir haben noch nie so dunklen Urin gesehen.


Im Anschluss versuchten wir zu schlafen, stellten aber schnell fest, dass dies mit den Schmerzen, den Restless-Legs und in dieser Position so nicht möglich war. Wieder schafften wir es unsere eine Hand zu befreien. Wir legten uns zumindest etwas bequemer hin, soweit das mit nur einer freien Hand möglich war und versuchten zu schlafen. Kurz darauf kam abermals die Pflegerin und band die Hand wieder fest. Wir baten darum, dass doch zumindest die Hände frei sein könnten. Begründeten dies mit den Schmerzen, dem Ödem und der unbequemen Position in welcher wir nicht schlafen können. Sie lehnte wieder ab. Wir verwiesen noch einmal darauf, dass unsere Hand doch schon ein Ödem entwickelt hätte und ob sie die Schnalle bitte nicht zu fest machen kann. Sie erwiderte, dass sie diese nicht lockerer machen könne, da wir uns ja sonst ständig wieder befreien würden.

Wir befreiten uns trotzdem immer wieder mit der rechten Hand. Nach mehrmaligen befreien der rechten Hand ignorierte die Pflege dies und ließ es bleiben uns wieder zu fixieren.


---- Trigger Warnung Ende ----


Irgendwie sind wir dann doch noch für ein paar Stunden eingeschlafen.


Als wir am nächsten morgen aufgewacht sind, wurden wir dann endlich von einem Arzt losgebunden. Nachdem wir festgestellt hatten, dass die letzten drei Tage kein Traum waren, sondern aktuelle Realität, verlangten wir sofort von unserem Mann abgeholt zu werden. Wir wollten nur noch weg und hätten in dieser Situation alles unterschrieben. Wir unterschrieben, dass wir uns gegen ärztlichen Rat entlassen. Uns wurden die Papiere zum Unterbringungsbeschluss in die Hand gedrückt, gesagt wir hätten zwei Wochen Zeit für eine Beschwerde. Dies konnten wir zu dem Zeitpunkt gar nicht aufnehmen, aber verstanden zum ersten Mal tiefergehend, dass wir in einem Krankenhaus waren.


Nach einem "Frühstück" mit trockenem Toast kam unser Mann vorbei, unterstützte uns in dem Wunsch einfach nur weg zu wollen und wir fuhren endlich nach Hause. Dazu entschieden wir, zwei Tage später mit unserem Mann zusammen, in den geplanten Urlaub zu fliegen, was wir (trotz Warnungen) genauso als Drahtseilakt durchzogen.

In metaphorischen Drahtseilaktionen sind wir spitze.


Akut polymorphe Psychose Ende.


Nachträgliche Gedanken:


Zum dem Thema Flüssigkeitshaushalt ist uns im Nachhinein klar geworden, dass die Klinik im Beschluss zur Zwangsmedikation eigentlich auch dazu angehalten war uns eine Elektrolytlösung zu geben. Haben sie aber nicht. Stattdessen steht im Entlassbrief, dass dies nicht nötig schien, obwohl sie auch schrieben, dass unser Mann ihnen erzählt hat, dass wir schon in den Tagen vorher nicht mehr getrunken hatten.

Wir sehen das anders. Wir denken es ist doppelte Körperverletzung jemanden in einer freiheitsentziehenden Maßnahme, die ansich schon gewaltvoll ist, nicht ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen.


Zu dem Thema: Ödem an der Hand und der Bitte um eine Teildefixierung, stand auch etwas gegenteiliges im Beschluss. Anders als die Pflegerin sagte hätte sie sehr wohl teildefixieren dürfen, ohne dass es dann rechtliche Probleme gegeben hätte. Im Gegenteil die Teildefixierung war angeordnet für den Fall, dass wir uns etwas Beruhigen, was zu der Zeit der Fall war.


Fazit: Werden Psychosen und die Fehlhandlungen insgesamt einfach nur Fehlinterpretiert? Menschen neigen dazu alles aus ihrer Erfahrungsperspektive heraus zu interpretieren. Ein psychotischer Mensch interpretiert seine Umwelt auch nur anhand seiner inneren und äußeren Wahrnehmungen und das sogar überstark. Können Menschen ohne diese Erfahrung überhaupt verstehen wie in sich Logisch sich eine funktionelle Psychose anfühlt und dass sie selbst nur ihre eigene äußere Welt interpretieren, ohne die innere Sprache des psychotischen Gegenübers darüber erkennen zu können? Ist das nicht wie ein Volk nach seinen Handlungen und Hinterlassenschaften zu beurteilen, ohne die tieferen Bedeutungen, seine Sprache und Spiritualität (im weitesten Sinne) zu kennen? Wäre es nicht sinnvoller zu schauen: "Was möchte die Person in der Psychose (oder anderen Norm abweichenden Zuständen) ausdrücken?" als zu sagen: "Das ist eine Fehlhandlung, die muss unterbunden/korrigiert werden?"

Denn ist es nicht allgemein so, dass Menschen IMMER ihr möglichstes Tun um zurecht zu kommen und es manchmal einfach auf andere Personen - mit mehr Möglichkeiten in diesem Augenblick -defizitär wirkt, weil dem Individuum zu dem Zeitpunkt keine anderen/besseren Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen? Müsste man nicht einfach nur mehr versuchen ihre Ausdrucksweise zu verstehen? Ihre Sprache und Spiritualität mitzudenken, anstatt es als unlogisch und nur wirr abzutun?

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